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Rathaus-Neubau setzt auf Holz Bingen, Landkreis Sigmaringen

Rathaus-Neubau setzt auf Holz

Schlagworte

Holzbau-Referenz
HIP - Bauvorhaben
MLR
EFRE Holz Innovativ Programm
Öffentliches Bauen
2023

Projektdetails

ProjektartBauvorhaben – HIP
GebäudetypÖffentlicher Bau
Ort72511 Bingen
Fertigstellung2023
FördernehmerGemeinde Bingen
BilderMichael Setz, Schaudt Architekten, Riester Holzbau, Baustatik Relling

Details zum Projekt

Bingen im baden-württembergischen Landkreis Sigmaringen ist ein beschaulicher Ort mit rund 2.700 Einwohnern. Wie auch anderswo im ländlichen Raum, war in Bingen die Umbruchstimmung mit Wegzug und Leerstand deutlich spürbar geworden. Darauf reagierte die Gemeinde mit dem Schritt hin zu einer neuen Ortsmitte. Dabei ging es sowohl um die Bebauung einer ehemaligen Brauereifläche mit attraktivem, bezahlbarem Wohnraum, als auch um den nachhaltigen Rathausbau mit hohem Identifikationspotential. Durch eine Mehrfachbeauftragung von Architektur- und Stadtplanungsbüros 2016 gelang es, ein einfaches, aber nachhaltiges städtebauliches Konzept zu finden. Wesentlicher städtebaulicher Baustein ist dabei das neue Rathaus, das als moderner Holzbau zugleich als Vorbild für weitere Baumaßnahmen dienen soll. Dass es sich um einen Holzbau handelt, ist bereits von außen gut zu erkennen: Das Gebäude ist mit einer Holzverschalung aus Weißtanne bekleidet. Insgesamt spiegelt der Neubau Transparenz, Offenheit und Freundlichkeit wider. Das liegt zum einen an den relativ großen, teilweise bodentiefen Fensterflächen insbesondere im Erdgeschoss, zum anderen an den ebenfalls mit Weißtanne bekleideten hellen Innenwänden. Gerade im Inneren des Verwaltungsbaus legten die Architekten Wert auf eine warme, freundliche Atmosphäre. Und so ist auch die Haupttragstruktur des Skelettbaus aus Buchen-Furnierschichtholz, kurz BauBuche, im Innenbereich ablesbar und schlägt eine Brücke zum dörflichen Charakter historischer Fachwerkhäuser. Auf dem Satteldach ist eine Photovoltaik-Anlage installiert. Zusammen mit der Gebäudehülle und der Haustechnik erreicht der Neubau den Energiestandard Effizienzhaus 40.


Architektur: Schaudt Architekten GmbB, Konstanz
Tragwerksplanung: Baustatik Relling GmbH, Singen
Technische Gebäudeausrüstung: e.project, Krauchenwies, und Ingenieurbüro Büchele, Pfronstetten
Brandschutzplanung: geopro GmbH, Stockach
Ausführung Holzbau: Riester Holzbau GmbH, Leibertingen
Keller / Rohbau: Karl Stocker Bauunternehmen GmbH, Pfullendorf
Produktion Buchen-Furnierschichtholz-Bauteile: Pollmeier Massivholz GmbH & Co. KG, Creuzburg

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BauBuche als Anreiz für innovative Laubholznutzung

Die Wahl von Buchen-Furnierschichtholz, kurz BauBuche, als Baumaterial fürs Tragwerk erfolgte unter anderem vor dem Hintergrund des Waldumbaus hin zu klimaresilienten Wäldern, der zukünftig mehr Laubholz, insbesondere Buchenholz, statt anfälligerer Fichtenwälder vorsieht. Entsprechend steht die „Innovative Laubholznutzung im Bauwesen“ im Fokus der BMEL-Förderung „Nachhaltige Erneuerbare Ressourcen“, was einen zusätzlichen Anreiz für die Wahl von BauBuche darstellte.

Für die Architekten ergab sich mit der Entscheidung für das Hartholz aber auch die Möglichkeit, die Stützen- und Träger schlanker auszuführen. Denn die höheren Festigkeits- und Steifigkeitswerte des hochfesten Laubholzes erlauben es, die Querschnitte kleiner zu dimensionieren als es mit Nadelholz der Fall gewesen wäre. Daraus haben sich zudem entsprechende Materialeinsparungen ergeben. Dass BauBuche auch aus gestalterischen Gründen eine attraktive Wahl war, zeigt sich darin, dass die Architekten sich dafür entschieden haben, das Tragwerk sichtbar zu lassen.

Klar strukturiertes Holztragwerk vom Boden bis zum Dach

Der 13 m hohe Baukörper, der stark an die ortstypischen, oberschwäbischen Langhäuser erinnert, steht giebelständig an der Straße über einem rechteckigen Grundriss mit einer Länge von 28,40 m und einer Breite von 10,60 m. Das Tragwerk, eine Holzskelettkonstruktion aus BauBuche, setzt in Kombination mit den Holzrahmenbauwänden auf einem Kellergeschoss aus Stahlbeton auf, das als weiße Wanne ausgebildet ist. Das Holzskelett besteht aus gebäudehohen, also bis ins Dachgeschoss durchlaufenden, 8,20 m hohen BauBuche-Stützen (b/h = 28 cm x 14 cm), die in den langen Außenwänden im Achsabstand von 2,40 m platziert sind, sowie aus BauBuche-Trägern (b/h = 28 cm x 30 cm), die als deckengleiche Unterzüge fungieren. Letztere wurden mit verdeckten Holzbauverbindern (Sherpa-L50-Steckverbindern) unsichtbar an den Außenstützen angeschlossen. So bilden die Brettsperrholz-Elemente, die als Einfeldträger über 4,70 m von deckengleichem Unterzug zu deckengleichem Unterzug spannen, unterzugsfreie Geschossdecken aus. Lediglich beim großen Mehrzweckraum im Erdgeschoss mussten 10 m Raumbreite überbrückt werden, wofür die Tragwerksplaner einen deckengleichen Stahlunterzug nutzten.

Die Sparren aus Konstruktionsvollholz (KVH) des 45°- geneigten Satteldaches sind auf der Firstpfette und den Fußschwellen aus BauBuche aufgelagert. Dabei liegen die Fußschwellen (b/h = 28 cm x 20 cm) auf den durchgehenden Stützen aus BauBuche in den Außenwänden auf, während die zweigeteilte Firstpfette (b/h = 20 cm x 20 cm bzw. 20 cm x 36 cm) auf den geschosshohen Stützen aus BauBuche in der Mittelachse aufliegt.

Selbst für die Treppenläufe – die ungewöhnlicherweise aus Holz, genauer gesagt aus Brettschichtholz, ausgeführt wurden – kam das strapazierfähige Hartholz zum Einsatz: Die Stufen erhielten einen Belag aus BauBuche-Paneelen. Und zu guter Letzt bewegt sich auch der Aufzug des Gebäudes in einer „Holzröhre“, das heißt in einem Schacht aus vorgefertigten Brettsperrholz-Wandelementen.

Der vertikale Lastabtrag erfolgt im Wesentlichen über das Holzskelett aus BauBuche-Unterzügen und Stützen. Für die Aussteifung sorgen die als Scheiben ausgeführten Geschossdecken sowie ausgewählte Wände in Holzrahmenbauweise. Da das Raumprogramm der Architekten im Dachgeschoss eine flexible und großzügige Raumnutzung vorsah, gibt es hier nur wenige Holzrahmenbauwände. Um die Horizontallast aus diesem Geschoss abzuleiten, haben die Tragwerksplaner in den langen Außenwänden vom Erdgeschoss bis unters Dach durchlaufende BauBuche-Stützen gewählt. Diese 8,20 m hohen BauBuche-Stützen sind auf Höhe der Geschossdecken im Erd- und Obergeschoss horizontal gehalten und leiten die Horizontallasten entsprechend in die Deckenscheiben – vor allem in die Decke des 1. OGs – und von da in die Holzrahmenbauwände ein.

Schnelle Montage durch vorgefertigte Holzelemente

Der hohe Vorfertigungsgrad aller Bauteile und -elemente ermöglichte eine zügige Montage des Holzbaus. Sie begann mit dem Aufstellen der vorgefertigten Holzrahmenbauwände auf der Kellerdecke. Dabei wurden die Wände sowohl miteinander als auch auf der Betondecke des Kellers verschraubt. Fast parallel dazu errichtete das Holzbauunternehmen die BauBuche-Skelettkonstruktion – zunächst in der Mittelachse, dann die markanten durchlaufenden BauBuche-Stützen in Ebene der Außenwände. Nach dem Stellen der Wände und Stützen folgte die Montage der BauBuche-Unterzüge, auf die im Anschluss die Brettsperrholz-Deckenelemente aufgelegt und zu schubsteifen Scheiben verbunden wurden. Das Stellen der 12 cm dicken und rund 3,50 m hohen Brettsperrholz-Wandelemente des Aufzugs sowie einer Wand des Treppenhauses, ebenfalls aus Brettsperrholz, erfolgte geschossweise. Im Dachgeschoss haben die Monteure schließlich noch die Mittelwände so wie die beiden Querwände aufgerichtet. Dann folgten die Sparren und die Eindeckung mit quadratischen, anthrazitgrauen flachen Dachsteinen. Abschließend wurde das Gebäude verschalt.

Sorgfältig geplanter und ausgeführter Innenausbau

Die Weißtannenverschalung ist auch im Innenbereich zu finden, hier allerdings in ihrer natürlichen, hellen Färbung. Dabei wurde zwischen einer sehr feingliedrigen Struktur mit schmaler Lattung an den Decken und einer flächigeren Wirkung mit breiterer Beplankung an den Wänden unterschieden. Wie schmale Lichtschlitze sitzen die Deckenleuchten parallel zur Lattung in der Holzdecke, die übrigens auch in den Sanitärräumen zu finden ist. Treppenseitig sind die Holzrahmenbauwände allerdings aus Brandschutzgründen mit Gipsfaserplatten doppelt beplankt.

Wie sorgfältig in dem Projekt sowohl geplant als auch ausgeführt wurde, zeigt sich nicht zuletzt in den Detailentscheidungen: So wurden beispielsweise zwei BauBuche-Stützen der Außenwände jeweils raumseitig um 3 cm verjüngt, damit hier die Weißtanne-Beplankung durchlaufen kann.

Herausforderung BauBuche-Abbund?

Häufig scheuen Zimmereien davor zurück, den Abbund von BauBuche-Elementen selbst zu übernehmen, da der Verschleiß der Werkzeuge aufgrund der hohen Festigkeit des Holzes entsprechend höher ist. Die für das Rathaus beauftragte Firma Holzbau Riester hatte sich im Vorfeld BauBuche-Probestücke schicken lassen, um den zusätzlichen Aufwand prüfen zu können. Nachdem klar war, dass sich der Abbund mit einem gewissen Ersatz an Sägeblättern, Fräsen (vier Stück) und Bohrern (50 Stück) gut bewerkstelligen ließ, hatte die Zimmerei den Abbund selbst übernommen und mit den üblichen Zimmerei-Maschinen durchgeführt. Aufgrund des positiven Ergebnisses und der optimalen Abläufe auf der Baustelle, werde dies sicher nicht das letzte BauBuche-Projekt des Unternehmens gewesen sein, so das Fazit des Geschäftsführers von Holzbau Riester.

Zuschüsse ermöglichten den Neubau

Die Gesamtkosten für das Gebäude beliefen sich auf etwa 3,5 Millonen Euro. Verschiedene Zuschüsse von Bund, Land und der EU halfen, das Projekt zu realisieren. Dabei kamen rund 250.000 Euro über das Holz Innovativ Programm aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung – Innovation und Energiewende (EFRE 2014 bis 2020) in Baden-Württemberg dank der Einstufung als „Demonstrationsvorhaben Holzbau“.

 

Projektbeschreibung: Susanne Jacob-Freitag, Karlsruhe